Aktueller Stand: Harmonisierung ISO 22000 & FSSC 22000

ISO 22000 und FSSC 22000 im Wandel – was die neuen PRP-Standards für Lebensmittelbetriebe bedeuten

Die Managementsysteme für Lebensmittelsicherheit stehen aktuell vor einem spürbaren Wandel. Neben einer gezielten Ergänzung der ISO 22000 um das Thema Klimawandel werden die bisher bekannten ISO/TS-Standards der 22002-Reihe schrittweise in eine neue, harmonisierte ISO-22002-Familie überführt. Parallel bereitet die Foundation FSSC die nächste Version des FSSC-22000-Schemas vor.

Für Unternehmen in der Lebensmittelkette bedeutet das: Die Grundlogik von HACCP und Managementsystem bleibt unverändert – aber die Anforderungen werden konkreter, strukturierter und stärker an heutige Risiken, Lieferketten und Nachhaltigkeitsanforderungen angepasst.

1. ISO 22000 bleibt der Kern – erweitert um Klimarisiken

Die ISO 22000:2018 ist weiterhin die maßgebliche Norm für Managementsysteme der Lebensmittelsicherheit. Neu ist ein Ergänzungstext (Amendment), der das Thema Klimawandel explizit in das Normgefüge hineinholt.

Konkret wird der Blick auf den „Kontext der Organisation“ geschärft: Unternehmen sollen systematisch prüfen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf ihre Prozesse, Rohstoffe, Infrastrukturen und Lieferketten hat – und umgekehrt, welche Beiträge die Organisation selbst zum Klimageschehen leistet. Extreme Wetterereignisse, veränderte Erntebedingungen, Unterbrechungen in der Logistik oder der steigende Druck zur Dekarbonisierung werden damit offiziell zu Themen des Lebensmittelsicherheits-Managementsystems.

Ebenso sollen Erwartungen von Behörden, Kunden, Handel und Gesellschaft in Bezug auf Klima- und Nachhaltigkeitsfragen ausdrücklich in die Betrachtung der interessierten Parteien einfließen.

Für die Praxis bedeutet das: Klimarisiken und -chancen gehören künftig in die Risikoanalyse, in die strategische Planung, in Ziele und Programme und in die Managementbewertung. ISO 22000 wird damit ein Stück näher an andere Managementnormen wie ISO 14001 und ISO 50001 herangeführt.

2. Von ISO/TS 22002 zu ISO 22002:2025 – PRPs werden neu geordnet

Die deutlich sichtbarste Veränderung betrifft die „Prerequisite Programmes“ (PRPs), also die baulich-technischen und organisatorischen Basisvoraussetzungen für sichere Lebensmittelproduktion. Bisher waren diese in verschiedenen ISO/TS-Dokumenten geregelt, zum Beispiel:

  • ISO/TS 22002-1 für die Lebensmittelherstellung

  • ISO/TS 22002-2 für Catering

  • ISO/TS 22002-4 für Verpackung

  • ISO/TS 22002-5 für Transport und Lagerung

  • ISO/TS 22002-6 für Futtermittel

Diese Technischen Spezifikationen werden nun in eine neue Normfamilie überführt und inhaltlich überarbeitet.

2.1 ISO 22002-100:2025 – eine Rahmennorm für alle

Zentraler Baustein der neuen Struktur ist die ISO 22002-100:2025. Sie formuliert allgemeine Anforderungen an PRPs, die für die gesamte Lebensmittel-, Futtermittel- und Verpackungskette gelten.

In dieser Rahmennorm werden u. a. Themen wie:

  • Gebäude und Infrastruktur

  • Personalhygiene und Umkleidekonzepte

  • Reinigung und Desinfektion

  • Schädlingsbekämpfung

  • Umgang mit Chemikalien und Betriebsmitteln

  • Abfallmanagement

  • Lagerung und Transport

  • Wartung

  • Schutz vor vorsätzlicher Kontamination (Food Defense)

  • Vermeidung wirtschaftlich motivierter Täuschung (Food Fraud)

übergreifend geregelt. Was früher in mehreren ISO/TS-Dokumenten teilweise unterschiedlich formuliert war, wird nun in einem gemeinsamen Rahmen zusammengeführt.

Der Grundgedanke: Jedes Unternehmen nutzt künftig ISO 22002-100 plus einen sektorspezifischen Teil, statt sich nur auf ein einzelnes ISO/TS-Dokument zu beziehen.

2.2 Neue sektorspezifische ISO 22002-Teile

Aufbauend auf dieser Rahmennorm werden die sektorspezifischen Anforderungen geschärft und als eigenständige ISO-Normen veröffentlicht. Beispielhaft:

  • ISO 22002-1:2025 für die Lebensmittelherstellung (Nachfolger von ISO/TS 22002-1)

  • ISO 22002-2:2025 für Catering (Nachfolger von ISO/TS 22002-2)

  • Überarbeitete Teile für Verpackung, Transport/Lagerung und Futtermittel

  • Ein zusätzlicher Teil für den Lebensmittelhandel

Die bisherigen ISO/TS-22002-Dokumente werden damit nicht inhaltlich „auf den Kopf gestellt“, aber:

  • allgemeine Anforderungen wandern in die 22002-100,

  • sektorspezifische Anforderungen werden gezielter herausgearbeitet,

  • zahlreiche Formulierungen werden konkretisiert und auditierbarer,

  • Themen wie Besuchersteuerung, Dienstleistermanagement, Lagerordnung, Trennung von Materialien, Food Defense und Food Fraud bekommen mehr Schärfe.

Für Unternehmen heißt das: Die bekannten Inhalte der ISO/TS-Reihe bleiben im Kern erhalten, werden aber in eine neue, besser strukturierte und harmonisierte Form überführt.

3. Auswirkungen auf FSSC 22000 Version 6 – was heute schon relevant ist

Das Zertifizierungsschema FSSC 22000 basiert im Wesentlichen auf drei Säulen:

  1. ISO 22000 als Managementsystemnorm

  2. einem PRP-Standard (bisher ISO/TS 22002-x)

  3. zusätzlichen FSSC-Anforderungen („Additional Requirements“)

Mit Version 6 hat FSSC 22000 bereits einen großen Modernisierungsschritt vollzogen. Zum einen wurden neue internationale Vorgaben für Audit- und Zertifizierungsregeln eingearbeitet, zum anderen wurde das Thema Klimawandel über die Anpassung der ISO 22000 in das Schema integriert.

Hinzu kommen erweiterte zusätzliche Anforderungen, etwa zu:

  • Food Safety und Quality Culture

  • Food Defense und Food Fraud

  • Umweltmonitoring

  • Food Loss & Waste

  • Steuerung von Dienstleistungen, Transport und Lagerung

Formell verweist FSSC 22000 Version 6 heute noch auf die „alten“ ISO/TS-22002-Dokumente als PRP-Grundlage. Faktisch ist aber klar, dass die neuen ISO-22002-Normen der logische nächste Schritt sind – insbesondere mit Blick auf die geplante Version 7 des FSSC-Schemas.

4. FSSC 22000 Version 7 und Revision der ISO 22000 – der Blick nach vorn

Die Foundation FSSC arbeitet bereits an der nächsten Schemageneration. Mit FSSC 22000 Version 7 werden voraussichtlich:

  • die neue ISO-22002-Familie (inklusive ISO 22002-100 und der sektorspezifischen Teile) verbindlich integriert,

  • die Anforderungen der aktuellen GFSI-Benchmarking-Dokumente vollständig abgebildet,

  • Nachhaltigkeitsthemen und die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) stärker mit dem Managementsystem verknüpft,

  • Kategorien und Anforderungen redaktionell geschärft und besser strukturiert.

Zeitlich ist damit zu rechnen, dass Version 7 in den nächsten Jahren veröffentlicht wird und Unternehmen eine definierte Übergangsfrist erhalten, um ihre Systeme anzupassen.

Parallel dazu läuft im zuständigen ISO-Komitee die Revision der ISO 22000 selbst. Die nächste Vollausgabe der Norm wird die bisherigen Erfahrungen, die neuen PRP-Strukturen und globale Entwicklungen im Bereich Lebensmittelsicherheit und Lieferkettenrisiken aufnehmen.

Damit zeichnet sich ein klarer Fahrplan ab: Zunächst Anpassung an die neuen PRP-Normen und das zukünftige FSSC-Schema, anschließend Feinschliff mit der revidierten ISO 22000.

5. Was Unternehmen jetzt konkret tun sollten

Auch wenn noch Übergangsfristen bestehen werden, ist es sinnvoll, die Weichen frühzeitig zu stellen. Drei Schritte bieten sich an:

5.1 Klimarisiken in das Managementsystem integrieren

Unternehmen sollten ihre Kontext- und Risikoanalyse dahingehend überprüfen, ob Klimaaspekte ausreichend berücksichtigt sind:

  • Welche klimabedingten Risiken gibt es für Rohstoffe, Logistik, Infrastruktur und Energieversorgung?

  • Welche Anforderungen stellen Kunden, Handel und Behörden in Bezug auf Klima, Nachhaltigkeit und Dekarbonisierung?

  • Wie werden diese Aspekte in Ziele, Programme und Managementbewertung integriert?

Damit werden die neuen Textpassagen zur ISO 22000 nicht nur formal erfüllt, sondern sinnvoll in die Unternehmenssteuerung eingebunden.

5.2 PRP-Programme auf die neue ISO-22002-Struktur ausrichten

Der zweite Schritt ist eine strukturierte Überprüfung der PRPs:

  • Welche ISO/TS-Dokumente dienen heute als Grundlage (z. B. 22002-1 für Produktion, 22002-4 für Verpackung)?

  • Wie lassen sich diese Inhalte auf die Kombination aus ISO 22002-100 und dem jeweils passenden sektorspezifischen Teil übertragen?

  • Wo gibt es Lücken oder Verschärfungen, etwa bei Besuchersteuerung, Lagerung, Umgang mit Chemikalien, Food Defense oder Food Fraud?

Wer diese Umstellung bewusst angeht, reduziert späteren Anpassungsdruck, wenn FSSC 22000 Version 7 die neuen Normen verbindlich voraussetzt.

5.3 Vorbereitung auf FSSC 22000 Version 7

Bereits heute ist sinnvoll:

  • eine Gap-Analyse zu den aktuellen zusätzlichen FSSC-Anforderungen durchzuführen,

  • interne Audits und Managementbewertungen so auszurichten, dass Klimathemen, Nachhaltigkeit, Kulturthemen sowie die neuen PRP-Strukturen abgebildet werden,

  • die Lieferkette intensiver zu betrachten – von der Auswahl und Bewertung von Dienstleistern über Verträge bis hin zu Audits und Monitoring.

So wird das System fit für die nächste Schemageneration, ohne dass alles „auf einen Schlag“ umgebaut werden muss.

Harmonisierung als Chance begreifen

Die aktuellen Änderungen rund um ISO 22000, die neue ISO-22002-Reihe und FSSC 22000 sind mehr als ein formales Normen-Update. Sie spiegeln die Realität der Lebensmittelkette wider: komplexe Lieferketten, steigende regulatorische Anforderungen, zunehmender Nachhaltigkeitsdruck und der Anspruch an eine gelebte Food Safety Culture.

Unternehmen, die diese Harmonisierung aktiv nutzen, profitieren gleich mehrfach:

  • klarere und einheitlichere PRP-Strukturen über Standorte und Bereiche hinweg,

  • höhere Auditfähigkeit und bessere Vergleichbarkeit zwischen ISO- und FSSC-Systemen,

  • engere Verzahnung von Lebensmittelsicherheit, Qualität und Nachhaltigkeit,

  • mehr Resilienz gegenüber externen Einflüssen – von Klimarisiken bis zu Marktanforderungen.

Wer seine Managementsysteme jetzt bewusst an der neuen ISO-22002-Struktur ausrichtet und Klima- wie Nachhaltigkeitsthemen in ISO 22000 und FSSC 22000 verankert, verschafft sich einen echten Vorsprung: im Audit, im Tagesgeschäft und im Vertrauen von Kunden, Handel und Behörden.

Hier geht es zur passenden Schulung