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„Alle Lebensmittel, die in Deutschland verkauft werden, müssen sicher sein. Das gilt auch für Importprodukte. Die Sicherheit gewährleisten Lebensmittelkontrollen, die richtige Kennzeichnung von Lebensmitteln und eine hohe Transparenz bei Zusatzstoffen in Lebensmitteln“, so steht es auf der Homepage des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft [1]. Doch ist das so? Listerien in Fleisch, Pflanzenschutzmittel in Eiern, dazu Bio-Eier, die gar keine sind, Glykol in Wein und Kunstdünger in Zucker – die Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre lassen erhebliche Zweifel an der Aussage des Ministeriums aufkommen. Die Verbraucher sind verunsichert angesichts immer neuer Hiobsbotschaften aus der Nahrungsmittelindustrie. Und das trotz hoher Standards. Aber bei einer Zahl von 170.000 Lebensmitteln, die dem Verbraucher zur Auswahl stehen, ist auch das Risiko hoch. Denn Menschen produzieren diese Lebensmittel oder bedienen die Maschinen. Und Menschen machen nun einmal Fehler, auch wenn sie in einem derart sensiblen Bereich wie der Lebensmittelbranche möglichst nicht vorkommen sollten.

Billig und gut passen nicht zusammen

Wenn in einem Schlachthof menschenunwürdige Arbeitsverträge und Unterbringung von Fremdarbeitern für Aufruhr sorgen, dann hat das in erster Linie natürlich nichts mit dem dort verarbeiteten Fleisch zu tun. Dennoch ist die Folge nicht allein eine Diskussion über Arbeitsbedingungen, sondern eben auch über den zu hohen Konsum von Fleisch schlechthin. Nicht der Schlachthofbetreiber ist schuld, sondern der Verbraucher, der viel zu viel Fleisch isst und damit die Produzenten geradezu zwingt, sich gesetzeswidrig zu verhalten! Denn nur die Nachfrage bedingt die Produktion, die schnell für Nachschub sorgen muss. Und das dann auch noch möglichst billig. Das gilt für alle Lebensmittel gleichermaßen: Qualitativ hochwertig sollen sie sein, gesund und doch preiswert. Obwohl jeder Verbraucher weiß, dass Qualität Geld kostet, scheint das ausgerechnet für lebenswichtige Produkte nicht zu gelten. Während bei sonstigen Anschaffungen ausschließlich die Qualität im Vordergrund steht, bestimmt bei Lebensmitteln einzig und allein der Preis die Kaufentscheidung. Zugleich ist aber jedem Verbraucher klar, dass die artgerechte Haltung von Tieren und Bioanbau von Obst und Gemüse nun einmal Geld kosten und dass die Landwirtschaft obendrein von den Launen der Natur abhängig ist. Trotzdem lässt sich der Verbraucher von Schnäppchenangeboten zum Kauf der billigen Bratwurst verleiten. Würde der Bauer, der das Schwein gemästet hat, den Preis bestimmen, läge er ungleich höher. Das ist aber nicht der Fall. Denn die großen Supermarktketten verhandeln nicht mit dem Bauern, sondern mit Schlachthöfen, Molkereien, Großhändlern, Genossenschaften und Lebensmittelherstellern. Und diese wiederum kämpfen gegen starke Konkurrenz, genau wie die Supermarktketten auch. Die Konkurrenz im Preis zu unterbieten, scheint das einzige Instrument zu sein, um den Kampf um die Gunst des Kunden zu gewinnen.

Nicht immer ist es Gier

Wir leben in einer Zeit, in der Schnelligkeit eine große Rolle spielt. Der Faktor Zeit hat erheblichen Einfluss auf die Wirtschaft erlangt, wer schneller produziert, hat seine Produkte schneller auf dem Markt, verkauft schneller als die Konkurrenz. Dabei bleibt nicht selten die Sorgfalt auf der Strecke. Tatsächlich ist der überwiegende Teil der Lebensmittelskandale auf Kontaminationen durch mikrobiologische oder sonstige Verunreinigungen zurückzuführen. Diese Kontaminationen entstehen meist versehentlich im Laufe der Produktion oder sind bereits in den Rohstoffen vorhanden. Mit Absicht der Hersteller hat das nichts zu tun, eher mit Nachlässigkeit oder Fahrlässigkeit. Die großen Skandale aber, bei denen die Hersteller aus reiner Geldgier verdorbene Lebensmittel auf den Markt gebracht haben, lassen heute jeden Hersteller, dessen Ware gemäß dem Lebens- und Futtermittelgesetz zurückgerufen werden muss, als mutwilligen Betrüger erscheinen, der er gar nicht ist.

Mit Kontrolle gegen Versehen

Die Verantwortung für die Lebensmittelsicherheit liegt aber dennoch beim Lebensmittelunternehmer. Das hat die Europäische Union in der Verordnung zur „Festlegung der allgemeinen Grundsätze und Anforderungen des Lebensmittelrechts“ (EG Verordnung Nr. 178/2002) so geregelt. Demnach muss der Unternehmer dafür sorgen, dass nur sichere Lebensmittel zum Verbraucher gelangen. Er ist verpflichtet, Gefahrenanalysen und Eigenkontrollen durchzuführen und kritische Punkte in seiner Herstellungskette zu überprüfen. Die Einhaltung der Maßnahmen zur Eigenkontrolle wird von den zuständigen Behörden überwacht. Laut Ministerium wurden im Jahr 2017 rund die Hälfte aller Betriebe in Deutschland kontrolliert, die Lebensmittel verarbeiten oder verkaufen. In etwa 25 Prozent der Betriebe gab es Beanstandungen. Besonders häufig beanstandet wurden Gastronomiebetriebe, Kantinen und Einzelhändler. Hauptgrund für Beanstandungen waren Verstöße gegen Hygienevorschriften [2]. Welche Betriebe aus welchem Grund beanstandet wurden, erfahren die Verbraucher aber nicht. Eine Neuregelung zur Optimierung der Lebensmittelüberwachung sieht jetzt eine stärkere Ausrichtung der Kontrollen auf neuralgische Punkte sowie eine Erhöhung der anlassbezogenen Kontrollen in Lebensmittelbetrieben vor, von denen ein höheres Risiko ausgeht. Sind unsichere Lebensmittel in den Handel gelangt, nutzen die Behörden das europäische Schnellwarnsystem RASFF (Rapid Alert System for Food und Feed), um andere betroffene Länder zu unterrichten, in Deutschland wird die Öffentlichkeit über eine Meldung auf dem Portal www.lebensmittelwarnung.de informiert.

Viel Anlass zur Kritik

Landwirtschaftliche Produkte wie Gemüse und Fleisch sind einem höheren Risiko für Verunreinigungen etwa durch Bakterien und Pilze ausgesetzt als weiterverarbeitete Lebensmittel, bei denen die Haltbarmachung schon für eine gewisse Sicherheit vor bakteriellen Kontaminationen sorgt. Doch auch weiterverarbeitete Lebensmittel geben immer wieder Anlass zur Kritik. Pferdefleisch in Lasagne, Gulasch und Ravioli, Döner aus Gammelfleisch, EHEC-Bakterien in Sprossen, Dioxinbelastung von Futtermitteln und in 2020 unter anderem Folienstücke in Salami-Snacks und Kunststoffteile in Pizza und Schokolade. Die Liste [3] ist scheinbar unendlich lang. Daneben gibt es weitere Kritikpunkte wie zu viel Zucker und Salz in Fertiggerichten oder viele Zusatzstoffe, die in Verdacht stehen, Gesundheitsschäden zu verursachen. Dazu noch der Antibiotikamissbrauch in der Mast, der resistente Keime zur Bedrohung für den Menschen werden lässt. Was ist los mit den Verantwortlichen in den Betrieben, die mit gesundheitsschädlichen oder -gefährdenden Lebensmitteln Kasse machen? Wenn hinter den Skandalen kriminelle Handlungen und nicht nur Fahrlässigkeit stecken, bedeutet ein Bekanntwerden für den betroffenen Fabrikanten in aller Regel einen erheblichen Nachfrageeinbruch, der im finanziellen Ruin enden kann. Allein diese Tatsache dürfte viele Hersteller dazu bewegen, die strengen Vorschriften und Bedingungen in der Lebensmittelproduktion einzuhalten.

Fazit

Es sind nur wenige Lebensmittelproduzenten, die mit ihrem Fehlverhalten das Vertrauen der Verbraucher missbrauchen. In Deutschland gibt es rund 1,2 Millionen registrierte Lebensmittelbetriebe. In 25 Prozent davon wird nicht vorschriftsmäßig gearbeitet, in 75 Prozent aber schon. Die überwiegende Mehrheit der Betriebe arbeitet also ehrlich und zuverlässig. Das hat nicht zuletzt die Corona-Krise gezeigt, in der die Versorgung der Bevölkerung trotz aller Schwierigkeiten mit Lockdown in nahezu allen europäischen Ländern problemlos funktioniert hat. Die Lieferketten haben entgegen aller negativen Prognosen reibungslos funktioniert. Die wenigen schwarzen Schafe, die es in der Nahrungsmittelherstellung wie in allen anderen Bereichen des täglichen Lebens auch gibt, schaden am Ende nur sich selbst. Denn Lebensmittelskandale bleiben in einer Welt des ungehinderten Informationsflusses nur noch selten unentdeckt und eine gesundheitsbewusstere Gesellschaft zwingt die Hersteller von Lebensmitteln mit zunehmend kritischerem Kaufverhalten dazu, einwandfreie und gesunde Nahrungsmittel zu produzieren, die diese Bezeichnung auch wirklich verdienen.

[1] https://www.bmel.de/DE/themen/verbraucherschutz/lebensmittelsicherheit/lebensmittelsicherheit_node.html
[2]
https://www.foodwatch.org/de/informieren/lebensmittelkontrollen/lebensmittelkontrollen/
[3] https://www.peta.de/skandalchronik

 

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